15
Apr-2015

Die Letzte Hoffnung

Büdchen   /  

Hatice lacht. Eigentlich strahlt sie förmlich und das nonstop. Ihr Lachen ist einnehmend, das empfinde nicht nur ich so, sondern auch alle Kunden, die in den Kiosk ‚Die letzte Hoffnung‘ in Köln-Rondorf kommen.

Meister nennt sie die Herren, diese nennen sie Schatzi und Sonnenschein – liebevoll und respektvoll, nicht anrüchig. Die Mädels, die kommen und sich mit Zigaretten, der Gala oder einem Eis versorgen, kennt sie auch alle und viele bekommen ein Küsschen rechts, links und nochmal rechts. Es scheint fast, als wäre Hatice ein genau so bunter Hund wie ihr Büdchen in Köln-Rondorf, das man schon von weitem in schwarz-rot-gold leuchten sieht. Seit neun Jahren sind die beiden zusammengeschweißten Container in den Landesfarben lackiert. „Zur WM damals – war so eine Idee“, sagt Hatice, die selber erst seit drei Jahren offizielle Inhaberin des Kiosks ist. Und das mit gerade einmal 24 Jahren.

Die Kiosk-Tradition der Familie Sezer geht aber noch viel weiter zurück, über 20 Jahre. Damals hatte man noch ein Ladenlokal, der Kiosk hatte schon bei Übernahme den geheimnisvollen wie vielversprechenden Namen ‚Die Letzte Hoffnung‘. Als der Kiosk einem Neubau weichen sollte, stellte man den Sezers zunächst ein neues Ladenlokal am gleichen Standort in Aussicht. Dann kam es aber anders und der Kiosk passte nicht mehr ins Konzept der Investoren und heute werden dort Versicherungen vermakelt. Mit Wehmut schaut weder Hatice noch ihre Eltern aber nicht zurück. Anstatt aufzugeben wurde man kreativ, pachtete das leerstehende Grundstück gegenüber und stellte dort zwei Container auf. Ein Selfmade-Büdchen, wie es im Buche steht!

Als vor drei Jahren Papa Sezer eine Umschulung machte, übernahm Hatice das Büdchen in Köln-Rondorf. Mitgeholfen hat sie schon immer, genauso wie ihr jüngerer Bruder und ihre Mutter, die leidenschaftliche Tierschützerin ist. Wer in ‚Die Letzte Hoffnung‘ kommt wird diese Tierliebe kaum übersehen können, denn hier und da hüpft eine Katze durchs Bild oder liegt faul an einem warmen Plätzchen. Offiziell haben sie fünf Katzen, aber die Dunkelziffer sei viel größer, meint Hatrice. Die Katzen aus der Nachbarschaft wissen ganz genau, wo es ihnen gut geht und schließlich hat der Kiosk ja auch von 7 Uhr morgens bis 10 Uhr abends geöffnet.

Dass die langen Öffnungszeiten nicht immer leicht mit dem Leben einer 24-jährigen unter einen Hut zu bekommen sind, kann man sich gut vorstellen. Hatice studiert BWL in Köln, nebenbei natürlich. Natürlich. Wenn man ihr so zuhört, dann hört sich diese riesige Verantwortung als Büdchen-Inhaberin und die Dinge die sie sonst noch so macht, fast wirklich selbstverständlich an. Andere kommen auf ihr Studentenleben nicht mal klar, Hatice schmeißt nebenbei noch ein Büdchen. Das klappt nur, weil die Sezers zusammenhalten, sich unterstützen, auch wenn es auch manchmal nicht einfach ist.

Vor allem nicht als Büdchen-Inhaber, denn auch in Rondorf, wo ‚Die Letzte Hoffnung‘ sozusagen ein Büdchen-Monopol innehat, gefährden verlängerte Ladenöffnungszeiten der Supermärkte das Kerngeschäft. Hatices Antwort: Guter Service und eine riesen Portion Persönlichkeit. Da kann es auch schon mal passieren, dass der Kiosk zum Drive-In-Schalter wird. Wie in einer Kiez-Soap fährt da der alte Mercedes vor, ein Mann mittleren Alters ruft irgendwas auf Türkisch aus dem Fenster. Hatice ruft zurück, verschwindet und taucht nur Sekunden später mit einem Päckchen Zigaretten auf, kassiert, beide verabschieden sich vertraut und schon ist diese surreale Szene wieder vorbei. Gäbe es einen Preis für den besten Büdchen-Service Kölns, Hatice hätte gute Chancen ihn zu gewinnen.

Auch wenn Hatice trotz ihren wenigen Lenze schon ein alter Hase ist, merkt man, dass Geld nicht ihre einzige Motivation ist. Ihre Herzlichkeit, Aufrichtigkeit und das Vertraute, das sind echte Eigenschaften, keine billige Verkäufermasche. Obgleich weiß sie um ihre Verantwortung, freut sich wenn das Wetter gut ist am Sonntag und die Leute zu ihrem Kiosk kommen. Oder wenn während der Woche die Schulkinder in das Büdchen einfallen. Zwischen 13 Uhr und 14 Uhr sei dann Rush Hour, denn die Kinder müssen an der gegenüber liegenden Bushalte stelle umsteigen – und haben dafür nur ein paar Minuten. „Da stürmen dann immer zehn, zwanzig Kinder in den Kiosk, beschmeißen mich mit Geld und schreien mir hektisch ihre Bestellung entgegen“, sagt Hatice und lacht.

Man kann nur hoffen, dass sie sich ihr fröhliches Gemüt bewahrt, Rondorf wäre sicher nicht dasselbe ohne Hatices Lachen.

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